Ich war bereits kurz davor diese eMail ungelesen zu löschen – man kann ja gar nicht vorsichtig genug sein – hier mit Späm und haste nich’ geseh’n. Dem fliegenden Spaghettimonster sei Dank habe ich es nicht getan, denn der Inhalt war dann doch ganz interessant.

Aber von vorne: Frau von der Leyen, ihrerzeichens (Noch-) Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, scheint sich vor einiger Zeit vorgenommen zu haben, im allgemeinen Chaos des Internets mal richtig aufzuräumen – zum Schutze der Kinder.

So wurde zuerst der Zugriff auf kinderpornografisches Material erschwert auf eine Weise, die zumindest im betroffenen Internet … na sagen wir mal … nicht nur Fans gefunden hat.

Nach dem das Gesetz auch den Bundesrat passierte hatte, verkündete Frau von der Leyen das nächste Etappenziel: Es soll ein Verhaltenskodex für das Internet erstellt werden.

Nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass sowas ja mit der Netiquette gewissermaßen schon nahezu druckreif existiert und hatte und habe somit – wie ich finde – berechtigte Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Forderungen. Und da diese ebenfalls reichlich Kritiker fand, kann mein Gedankengang so falsch nicht gewesen sein.

Um meinem Missmut ein Ventil zu geben und ihm Ausdruck zu verleihen, schrieb ich am 23.07.2009 folgende eMail an das verantwortliche Ministerium:

Sehr geehrte Frau von der Leyen,

dass die Zensur von Inhalten im Internet ein streitbarer Punkt ist hat sich jetzt mehr als deutlich heraus gestellt und ich möchte darauf hier auch nicht eingehen.

Aber mit ihrer neuen Forderung nach einem Verhaltenskodex im Internet stellen sie eindrucksvoll unter Beweis, wie wenig kompetent sie bzw. ihr Ministerium in Sachen Internet eigentlich sind.

So lange ich mich schon im Internet bewege (seit ungefähr 10 Jahren) existiert für das rücksichts- und niveauvolle Verhalten im Internet ein Begriff: Nettiquette. Wikipedia (de.wikipedia.org, falls unbekannt) definiert dies folgendermaßen: “Unter Netiquette oder Netikette (Kunstwort aus engl. net – Netz und etiquette – Etikette) versteht man das (gute) Benehmen in der virtuellen Kommunikation. Der Begriff beschrieb ursprünglich Verhaltensempfehlungen im Usenet, wird aber mittlerweile für alle Bereiche in Datennetzen verwendet, wo Menschen miteinander kommunizieren.”

Warum wollen sie also das Rad neu erfinden? Vielleicht sollten sie sich viel eher auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren und die Wurzel des schlechten Benehmens dort suchen, wo es wirklich entsteht: In den Familien und Schulen. Den jemand, der sich in der “realen” Welt vernünftig und gesellschaftstauglich benimmt wird dieses Verhalten im “virtuellen” Leben nicht gänzlich umkrempeln. Von Streitschlichtern und Vertrauenslehrern habe ich an meinem Gymnasium zum Beispiel noch nie etwas gehört oder gesehen – von Schulpsychologen ganz zu schweigen.

Kinder und Jugendliche über die Gefahren des Internets aufzuklären ist grundsätzlich eine gute Idee. Aber auch da sollten sie sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren, denn diese Aufklärung hätte schon längst im Informatikunterricht an Schulen stattfinden müssen. Hierfür müsste dieses Unterrichtsfach aber erstmal vernünftig strukturiert und mit kompetenten Lehrkräften ausgestattet werden.

In diesem Sinne: Erstmal im eigenen Garten aufräumen.”

Wie Eingangs angedeutet habe ich heute, knapp einen Monat später, Antwort unter dem wenigsagenden Betreff  “Ihre E-Mail vom 23.07.2009″ erhalten (dazu ein Verbesserungsvorschlag meinerseits: Wenigstens das grobe Thema im Betreff angeben).

Nunja, Oma sagt immer “besser spät als nie” und es war ja auch Sommerpause. Außerdem bin ich begeistert, dass mir überhaupt geantwortet wurde (obwohl das bei einem “VolksvertreterIn” ja selbstverständlich sein sollte). Uli Hoeness und Wolfgang Thierse haben das nicht geschafft – also mir zu antworten. Aber genug, hier die Mail:

Sehr geehrter Herr Bath,

haben Sie vielen Dank für Ihre Eingabe an Frau Bundesministerin von der Leyen. Sie hat mich gebeten, Ihnen zu antworten.

Um möglichst zu einer für alle Internetnutzer und Internetnutzerinnen verantwortungsbewussten Kommunikation im Netz zu gelangen, ist die Netiquette in jedem Fall eine gute Verhaltensanleitung. In erster Linie wurde sie ursprünglich für das Usenet und die Kommunikation von Erwachsenen entwickelt. An die besonderen Schutzbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sind jedoch ganz besondere Anforderungen zu stellen, die von der Nettiquette nicht gezielt erfasst sind. Vielen Kindern und Jugendlichen ist sie nicht mehr geläufig und spielt in der Praxis häufig keine Rolle mehr.

Anders ist das mit den Nutzungsregeln einzelner Angebote (z.B. der Chatiquette, das sind besondere Verhaltensregeln beim Chatten). Hier legt der Anbieter “Benimm-Regeln” für seine Plattform fest und kann Sanktionen gegen Nutzerinnen und Nutzer verhängen, die sich nicht daran halten. Es gibt aber bislang keine einheitlichen Regelungen – die Vorgaben sind von Plattform zu Plattform verschieden, und nicht jeder Anbieter ist in gleichem Maße um deren Einhaltung bemüht. Fordert der eine Anbieter beispielsweise zur Anonymität auf, kann es anderer Stelle scheinbar wieder wichtig sein, kein Pseudonym zu verwenden. Dieses kann in der Praxis häufig zu Missverständnissen und bisweilen auch unangenehmen Konsequenzen führen.

Das Bundesfamilienministerium setzt sich deshalb konsequent für einen für alle Anbieter geltenden verbindlichen Verhaltenskodex ein, um zu weiteren Verbesserungen der Sicherheit junger Menschen im Netz zu gelangen und einen optimalen Jugendmedienschutz zu gewährleisten.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

Stephanie Schäfer

Referat 605

Jugendschutzgesetz, Medienkompetenz

__________________________

Bundesministerium für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend
Rochusstraße 8-10, 53123 Bonn

Meine Zweifel sind trotz dieser eMail nicht beseitigt, das werde ich auch Frau von der Leyen mitteilen.

Ich halte euch auf dem Laufenden!

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2 Kommentare on Post vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

  1. der Dave sagt:

    Na da legst di nieder …
    Hätte nie damit gerechnet das du überhaupt auf so einen – ich sach mal – scharf formulierten Brief überhaupt ne Antwort kriegst. Und dann das !

    Die Antwort bezieht sich sogar auf deine Mail, ist inhaltlich ok und versucht dem geneigten Leser mit mehr oder weniger stichhaltigen Argumenten die Notwendigkeit dieses Verhaltenskodex näher zu bringen …

    Bei Amazon würde es von mir glatte 5 Sterne geben ;-)

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  2. Christoph sagt:

    Es scheint zwar keine gänzlich vorgefertigte Antwort zu sein, aber es bezieht sich lediglich auf einen meiner Kritikpunkte. Dass die “Gesellschaftserziehung” viel früher bzw. an anderer Stelle ansetzen sollte, dazu äußert sie sich gar nicht. Und das ist ja die eigentliche Aufgabe des Ministeriums.

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