Ich habe ein Bild vor Augen: Ich sitze auf der Veranda und genieße den warmen Spätsommertag. Der Himmel lacht und die Vögel zwitschern. Von meinem gemütlichen Sessel aus habe ich einen herrlichen Blick auf das Feld vor meinem Haus. Doch die Harmonie trügt. Vor mir tobt eine wilde Schlacht. Während die eine Seite ihre USB-Kabel bedrohlich schwingt und der Gegenseite mit einer Batterie von Tweets einheizt wehrt diese sich mit Stoppschildern und zückt Deo-Spray-Dosen.
Wie ist dieses Bild entstanden?
Durch den Hype um die Piratenpartei ist auch ihre Anhängerschaft in den Fokus der öffentlichen Diskussion gelangt. Diese besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus technikinteressierten Menschen, die vorher weitgehend unbeachtet waren. Doch nun haben sie mit der Piratenpartei eine Plattform und machen die digitale Revolution im großen Stil zum politischen Thema: Das provoziert Reaktionen.
Aufstieg der Nerds: Die Revolution der Piraten …
lautet die Überschrift eines Artikels auf der Onlineausgabe der FAZ. Es ist ein lesenswerter Text, der das Phänomen “Piratenpartei” zu erklären versucht und sie durchaus wohlwollend betrachtet. Immerhin unterstellt er ihnen eine Revolution der Gesellschaft. Im Netz wird er unter anderem als “Ritterschlag für die Piratenpartei” bezeichnet.
Er enthält zweifellos interessante Punkte, etwa wenn Herr Schirrmacher feststellt, dass eine Welt, in der Daten zerhackt, neu zusammengesetzt und interpretiert werden ihr Verhältnis zu Freiheit fundamental verändert. Ebenso die Feststellung, dass “die Abhängigkeit des modernen Menschen von (unverstandenen) Algorithmen Kernfragen der gesellschaftlichen Zukunft sind” und das die Informationsgesellschaft, sprich die digitale Revolution, “das Leben mit einer ähnlichen Dynamik verändert wie ihrer zeit die Industrialisierung“. Aber es sind keine neuen Erkenntnisse, all das ist bereits gesagt worden.
Stattdessen bedient sich der Artikel einer langen Aneinanderreihung von altbekannten Stereotypen vom “pizzaverschlingenden Zwanzigjährigen in seinem mit ‘Star Wars’-Memorbilien vollgestopften Kinderzimmer”, der “klassische Nerd, der Kopfhörer trägt, während er sich tief über seine Computertastatur beugt” und “es in der Pubertät schwerer hat als die Raver, eine Freundin zu finden.” Sie kennen die Systeme, sie haben “buchstäblich die Welt programmiert, in der wir uns heute bewegen”. Die digitale Welt stilisiert zu einem undurchdringbaren Dickicht, in dem sich einzig und allein der Nerd zurecht findet. Das diese Welt nicht nur aus Code besteht, sondern auch eine Infrastruktur benötigt vernachlässigt Schirrmacher gänzlich. Vielleicht passt es nicht in das mystische Bild des Nerds, “zum Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik”.
Statt sie zu einen zeichnet er eine Gesellschaft, deren Teil die Nerds anscheinend (noch) nicht sind. Was der Absatz “Und dazu brauchen wir die Nerds. Sie sind eine politische Kraft, ziehen Nicht-Nerds an sich heran” impliziert, wird überdeutlich wenn er schreibt, dass die Piraten Gesprächspartner der Gesellschaft sein sollten.
Für ihn ist Jens Seipenbusch, der Bundesvorsitzende der Piraten, eine Übergangsstufe vom Nerd zum gesellschaftsfähigen Wesen.
An alle die gerade versuchen, Nerds zu verstehen …
lautet die Überschrift eines Artikels auf jensscholz.com. Er ist die direkte Antwort auf den Beitrag der FAZ – aus der Sicht einer Person, die sich selbst “Nerd” nennt. Und dieser Nerd probiert, die Fehlprojektionen und Missverständnisse von Herr Schirrmacher zu korrigieren.
Zu Recht wundert er sich, warum man mit der Frage, wie Nerds eigentlich ticken, nicht zu denen kommt, die sie beantworten können.
Die Quintessenz ist, dass das Verhalten des Nerds durch seine Umgebung fehlinterpretiert wird. All sein Tun ordnet er der Pragmatik unter, Zweckgebundenheit ist die oberste Maxime. In Wirklichkeit bedauert er seine Mitschüler, die sich ständig an Äußerlichkeiten messen. Hier wird auch eine gewisse Überheblichkeit der Nerds gegenüber ihren Mitmenschen deutlich. Interessante Gespräche traut er “pubertierenden Cliquen” nicht zu, die können nur Nerds unter sich führen.
Während Herr Scholz sich eben noch über die Darstellung von Nerds als ewiger Tollpatsch beklagt, reduziert er im nächsten Moment alle anderen auf die Abbilder der Protagonisten moderner Teeniefilme – mit einem begrenzten Horizont, für die ihre “rosa Plüschtussen” lediglich Statussymbol sind. Es offenbart sich auch hier eine scheinbar bipolare Gesellschaft.
Letztendlich leben beide Texte in einem Schwarz-Weiss-Denken.
Es gibt Leute, die Technik lieben und in der digitalen Welt zu Haus sind – die Nerds. Und es gibt Leute, die sich damit nicht auskennen, denen all das völlig fremd ist – die Nichtnerds. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Doch so einfach ist es nicht. Zwischen beiden Gesellschaftsgruppen gibt es eine Schnittmenge, die sich nicht ohne weiteres in das Raster einordnen lässt. Und dazu gehöre ich:
Ich arbeite in einem IT-Unternehmen. Meine Bekannten wenden sich in Technikfragen an mich. Ich kann Netzwerke designen, ich kann Routingkonzepte erstellen und ich kann programmieren. Es macht mir Spaß, denn es ist wie Rätsellösen. Und wenn man es halbwegs beherrscht wird man regelmäßig für die Mühe belohnt.
Ich bin also ganz offensichtlich technikaffin – doch kein Nerd.
Auf der anderen Seite begeistere ich mich für Fußball. Ich gehe an Wochenenden gern mit Freunden weg zum Feiern und ich kaufe meine Kleidung nicht nur zweckgebunden. Ich bin darauf bedacht, vernünftig gekleidet zu sein und mir ist es wichtig, dass andere das genauso sehen. Das finde ich nicht oberflächlich, sondern ganz natürlich. Wer wird schon gern ausgelacht oder ausgegrenzt, der Mensch sehnt sich schließlich nach Gesellschaft. Auch meine Frisur ist (mittlerweile wieder) Modell Durschnittstyp.
Ich bin also ganz offensichtlich fähiger Teilnehmer an der Gesellschaft.
Das sind also die Gründe für das Bild in meinem Kopf, daher sitze ich auf meiner Veranda und beobachte das Treiben mit einem Lächeln im Gesicht.
Ich nehme den Laptop vom Beistelltisch und schreibe dann “Krass, was hier gerade vor meinem Haus abgeht!” auf Twitter.
Tags: Diskussion, Piraten
> Und dieser Nerd probiert, die Fehlprojektionen und Missverständnisse von Herr Schirrmacher zu korrigieren.
Ähm…nein, das versuche ich gerade nicht. ich setze dem lediglich eine diametral gespiegelte Sicht entgegen und formuliere dabei ein paar gegen-Klischees über “Nicht-Nerds”.
Also sorry,
in der Überschrift steht, dass der Artikel Nicht-Nerds erklären möchte, was ein Nerd ist.
Was ich verstanden habe, dass Herr Seipenbusch von der Piratenpartei eine Übergangsstufe vom Nerd zum gesellschaftsfähigen Wesen ist. Also scheinen ja Nerds nicht gesellschaftsfähig zu sein. Was aber jetzt wirklich ein Nerd ist oder nicht ist, lässt der Artikel jedoch offen. Sagen wir mal so: Für mich ist ein NERD ist jemand, der zuviel Zeit vor dem Rechner verbringt und von daher von seiner Umwelt nichts mehr mitkriegt.
Ich sehe das aber auch so, dass nicht jeder, der in einem IT-Projekt mit engen Terminvorgaben arbeitet, ein Nerd ist.
Also dieser Text versucht eben gerade nicht die “Spezies Nerd” zu erklären sondern soll zeigen, dass es eben auch “Mischwesen” gibt.
Und auch die Aussage, dass Nerds nicht gesellschaftsfähig sind ist nicht mein Gedankengang sondern eine Schlussfolgerung aus dem Text von Herrn Schirrmacher in der FAZ.