ER
"Ach komm schon, jetzt stell es doch einfach an die Wand!", nörgelte ich ungeduldig. Wie konnte ihr der Stellplatz ihres uralten, hässlichen Rennrads so wichtig sein? Ständig versuchte sie mir den Unterschied zwischen Fixie und Gangschaltung zu erklären, blieb an jedem zweiten Fahrrad stehen um die Einzelteile mit einem "Wow!" oder "So ein Schrott…" zu bewerten. Mich langweilte das Ganze, außerdem wollte ich endlich was trinken, es war schließlich Freitag. "Es wird geklaut, wenn ich es hier an die Wand lehne, du Idiot! Auch wenn es nicht viel wert ist, ich habe es von meinem Freund!" maulte sie. Letztenendes stellte sie das Fahrrad aus Mangel an Platz doch an die Mauer vor unserer Stammkneipe und legte noch schnell das Zahlenschloss an. Endlich konnte der Abend losgehen.
Es war immernoch nicht allzu kalt, also setzten wir uns erstmal in den Biergarten neben der Bar. Nachdem einige unserer Freunde angekommen waren, wollten wir dann weiter. Nichtsahnend liefen wir also in Richtung Fahrrad.
Wie um sich für meine Ungeduld und meinen Unglauben gegenüber der Existenz von Fahrraddieben, die so eine Mühle mitnehmen würden, zu rächen, war natürlich ausgerechnet ihr Fahrrad verschwunden. "Naja," dachte ich zuerst, "die paar Euro wird sie verschmerzen können". Aber nachdem sie nach 20 Minuten erfolgloser Suche anfing zu weinen, tat es mir doch ein wenig Leid. Was blieb übrig? Na klar, die Polizei, dein Freund und Helfer. "Nein," war die Antwort der 110, beim Suchen könne die Polizei nicht helfen, aber man solle doch auf die Wache kommen, um eine Anzeige gegen Unbekannt aufzugeben.
SIE
"Wer klaut denn so ein Fahrrad? Für jeden anderen war das doch nur eine billige Mühle, auch noch abgeschlossen. Klar das mir sowas passiert!", dachte ich mir auf dem Weg zur Polizeiwache. Bis ich dort war, war mir schweinekalt und so richtig optimistisch war ich auch nicht. Aber ich war schon fast da und würde die Geschichte eben durchziehen. Als ich das Gebäude betrat, musste ich wegen der plötzlichen Helligkeit blinzeln, und wurde gleich darauf von einer lauten Stimme angeherrscht, was ich hier zu suchen hätte.
"Ich… naja ich möchte eine Anzeige aufgeben, mein Rennrad wurde gestohlen." Meine Hoffnung nun vielleicht etwas netter behandelt zu werden, wurden gleich darauf zunichte gemacht. Die Aufforderung, einen Alkoholtest durchzuführen, kam genausp patzig wie die Begrüßung. Das sei nötig, wie man mir erklärte, da man ab einem gewissen Alkoholpegel generell keine gültige Anzeige mehr aufgeben könne. Aha. Das Messergebnis von nur 0,2 Promille schien den Polizisten eher noch anzustacheln. Unfreundlich fragte er mich, was ich alles getrunken hätte, nach Drogen und nach sonstigen Zusammenstößen mit der Polizei – als ob ich ein Täter und kein Opfer wäre!
Auf mein Achselzucken wurde er, ich hatte es nicht für möglich gehalten, noch unfreundlicher und durchsuchte an seinem PC scheinbar meine Akte. "Naja, Kleinigkeiten" – er hatte sicher auf mehr gehofft - Widerstand gegen die Staatsgewalt – oder etwas in der Art… Was er gelesen hatte, wollte er mir nicht sagen, "das müssen sie doch selbst wissen, wofür sie einen Eintrag haben!". Freiheit bedeutet auch Freiheit der Einsicht in die eigene Polizeiakte? Scheinbar nicht…
Angestrengt versuchte ich ruhig zu bleiben und keine unvorsichtigen Kommentare zu geben. Als der nette Polizist jedoch fast gähnte, dass seine Schicht in 15 Minuten enden würde, und ich das Ganze dann bei der nächsten Schicht vortragen soll, platzte ich. Ich warf ihm alle möglichen Dinge an den Kopf und regte mich maßlos auf. Er saß trotzdem am längeren Hebel – unglaublich dreist nutze er es auch aus. "Das ist eine GEGEN SPRECH ANLAGE. Wenn ich spreche, höre ich sie nicht, sie müssen sich also keine Mühe geben…" frotzelte er durchs Mikro.
"Na toll, man will eine Anzeige aufgeben und gerät an Mister Superpolizist. Und jetzt musste ich auch noch tierisch aufs Klo", ging es mir durch den Kopf. Nachdem der Mann seine Mikrotaste endlich wieder losgelassen hatte, weil er scheinbar sah, das ich nicht vorhatte weiter zu rebellieren, erkundigte ich mich nach einem WC. Der Höhepunkt des Abends war gekommen. "Das kann ich ihnen nicht sagen, sie dürfen sich hier nicht alleine frei bewegen. Sie dürfen nur in Begleitung einer weiblichen Kollegin das WC aufsuchen. Es ist aber leider keine in der Nähe. Aber wissen sie was, es dauert ja nicht mehr lange, da müssen sie eben noch bis nach dem Aufgeben der Anzeige warten."
Keine Chance. Trotz oder gerade wegen meiner Wut fing ich an zu weinen. Wenigstens das hatte einen gewissen Effekt – wenn auch nur, dass der eben noch so selbstsichere Polizist betreten zu Boden und mir nicht mehr in die Augen schaute.
Irgendwann, nach zwei Stunden, war die Anzeige aufgegeben, jedoch gleichzeitig jede Hoffnung abhanden gekommen, mein Fahrrad wiederzubekommen. Es ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.
ER
"Hey, da bist du ja wieder!", freute ich mich, als sie nach zwei Stunden endlich von der Wache wiederkam. Aber ihr Gesichtsausdruck machte mich stutzig. "Hat bei der Polizei alles geklappt?", wollte ich wissen. Nachdem sie mir alle Einzelheiten geschildert hatte, sagte ich "Das ist ja nicht zu glauben! Darüber muss ich auf jeden Fall einen Artikel schreiben!"
Tags: Polizei, Polizeistaat
leider kann ich wegen möglicher beamtenbeleidigung nicht schreiben was ich vom verhalten dieses -wie schon erwähnt – VERBEAMTETEN Polizisten halte.
vielleicht sollte man um eine Anzeige aufzugeben immer gleich seinen Anwalt mitbringen……und auf jeden Fall vorher aufs clo gehn
Pauline
Aus aktuellem Anlass habe ich mich mal ein bisschen näher mit dem Thema befasst: Beamtenbeleidigung ist im Prinzip genau das gleiche wie die Beleidigung eines Nichtbeamtem. Allerdings werden solche Sachen grundsätzlich zur Anzeige gebracht und auch viel seltener wegen Nichtigkeit fallen gelassen.
Wenn ich sowas lese, wünsche ich mir immer, dass es mehr coole Polizisten wie solche in meinem Verein gibt.
Leider ist es hier wie in jedem Beruf: Schwarze Schafe gibt es überall.
Aber moment: Wie in jedem Beruf? Nein, das stimmt nicht.
Ich denke gerade bei der Polizei treiben sich einige Leute rum,
die das brauchen. Eine Waffe, Respekt, Autorität, Macht.
Weil sie es anders nicht kriegen.
Traurig, aber wahr.
Bilde ich mir das nur ein oder häufen sich in letzter Zeit die schlechten Erfahrungen mit der Polizei …
Sind das etwa die Auswirkungen der Wirtschaftskrise ?
… des Wahlergebnisses ?
… oder gar *pssst* der GLOBALEN ERDERWÄRMUNG ?
oh mein Gott, wo soll das nur hinführen ???
-Irgendwann werden noch unbescholtene Bürger festgenommen !
Nicht auszudenken was dann los ist !
Ich sag es euch, das ist einfach die soziale Kälte, die nach der Machtübernahme von Schwarz-Gelb Einzug gehalten hat. Hatte sich ja nach den Umfragewerten schon angekündigt.