Desöfteren habe ich mich schon über die “Berichterstattung” nach sogenannten Amokläufen echauffiert. Wobei “Amok” begrifflich noch nicht einmal zutrifft, da Amokläufe spontan und nicht von langer Hand geplant sind. Aber darum soll es hier nicht gehen. Was mich verärgert, ist, dass offensichtlich keinerlei Recherche stattfindet, sondern einfach ungefiltert reproduziert wird, was irgendwer irgendwo von irgendwem vielleicht gehört zu haben meint.
Nach der Tat von Winnenden hatte das aus diesem Anlass gegründete Aktionsbündnis Winnenden die hervorragende Idee, Computerspiele in eine große Tonne zu schmeissen. Wir berichteten darüber, gleiches tat die Badische Zeitung. Nur ist unser Artikel journalistisch viel gehaltvoller und weniger voreingenommen, wie ich finde. Und da ich Leserbriefeschreiben mittlerweile als unterhaltsame Freizeitgestaltung schätzen gelernt habe, sendete ich einen solchen auch an besagte Zeitung, obwohl es einem Kampf gegen Windmühlen gleicht:
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Erschrecken (aber leider nicht überrascht) muss ich feststellen, dass auch ihre Zeitung in den Debatten um sogenannte Killerspiele (wo bei ich diesen pauschalisierenden Begriff ablehne) äußerst undifferenziert arbeitet. Dies wird im Artikel “Stuttgart: Killerspiele in den Müll” vom 17. Oktober 2009 16:04 Uhr überdeutlich.
Das ihr Artikel inhaltlich erhebliche Mängel aufweist, können sie sowohl den Kommentaren als wahrscheinlich auch unzähligen Leserbriefen entnehmen. Ich möchte ihnen das exemplarisch am folgenden Ausschnitt aufzeigen: ‘Ein bekanntes Online-Spiel ist “Counter-Strike”, das auch der Amokläufer von Winnenden gespielt haben soll.’
Um Counter Strike zu spielen ist ein sogenannter Steam Account, also ein Spielkonto, notwendig. Besucher des Spielerprofils wird unter anderem angezeigt, wie viele Stunden der Spieler in den letzten 14 Tagen mit welchem Spiel verbracht hat. Unmittelbar nach dem Amoklauf von Winnenden ist das Spielerprofil des Täters bekannt geworden, welches belegt, dass dieser in den letzten zwei Wochen vor dem Amoklauf lediglich rund eine Stunde Counter Strike : CZ gespielt hat (einen entsprechenden Screenshot stelle ich ihnen gern zur Verfügung). Von intensiver Beschäftigung kann demnach zumindest im unmittelbaren Zeitraum vor der Tat nicht die Rede sein.
Ich möchte sie daher an ihre gesellschaftliche Verantwortung als Zeitung erinnern. Bevor sie Behauptungen in den Raum stellen sollten sie ein Mindestmaß an journalistischer Recherche leisten. Ansonsten tragen sie zur Entstehung, Verbreitung und Manifestierung von (fehlerbehafteten) Vorurteilen gegenüber weiten Teilen der jungen Bevölkerung bei, statt eine faire Debatte und die Verständigung der Streitpartner zu unterstützen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in ihrem Interesse ist.
Mit freundlichen Grüßen,
Christoph
Ich habe auch schon eine (erste ?) Antwort erhalten, die fiel jedoch höchst unbefriedigend aus. Ich wurde lediglich um die Angabe meiner Adresse gebeten, da diese nötig sei, um den Leserbrief zu veröffentlichen. Wieso eigentlich? Ich bitte davon abzusehen, mir irgendwelche Probe-Abos zuzusenden! Mein Briefkasten ist schon jetzt jeden Tag am Kapazitätslimit!
Übrigens: Dass in der eMail gänzlich auf Großschreibung verzichtet wird, werte ich natürlich als persönlichen Angriff!
Tags: Aktionismus, Angst, Computerspiele, Diskussion
die antwort muss ja sehr gehaltvoll gewesen sein,wenn du sie nich mal hier veröffentlichst
Ja, da stand eben drin, dass sie meine Adresse noch brauchen, ohne sonstigen Bezug auf meinen Brief (bei dem ich mir wie immer viel Mühe gegeben habe). Ich weiss auch nicht, ob ich Post so einfach veröffentlichen darf, ohne dass ich sie frage bzw. drauf hinweise. Ich bin ja nicht Kai Diekmann
Die angesprochene gesellschaftliche Verantwortung der Medien ist ja heute nochmal sehr aktuell geworden. Dazu gibt es hier einen lesenswerten Artikel: http://www.spiegelfechter.com/.....-die-ethik